Nur für mich

18.30 Uhr. Ich hatte noch dreißig Minuten, bis meine Mama mir meine zwei Kleinen bringen würde. Genau richtig, um endlich mal wieder die Aluleiste zu schrubben, die den Übergang meines Holzbodens im Esszimmer zum gefliesten Boden in meiner Küchenzeile bildet. Als ich vor 15 Jahren beschloss, in ein und demselben Raum zwei verschiedene Bodenbeläge zu wählen, hatte mich im Vorfeld niemand darauf hingewiesen, dass da dann ja ein Übergang eingepfuscht werden müsste. Optisch ist dieser fragwürdige Lösungsversuch noch vertretbar, wenn die besagte Leiste gründlich gereinigt ist. Allerdings hat sie ganz feine Rillen, die binnen kürzester Zeit von silbrig glänzend zu schwarz wechseln. Nur die Rillen natürlich, die Ränder nicht. Das zwingt mich in regelmäßigen Abständen auf die Knie.

Alubodenleiste

Für solche Arbeiten brauche ich verschiedene Komponenten. Zeit, Ruhe und uneingeschränkte Selbstdisziplin. Denn die halbe Leiste schrubben geht nicht. Erst einmal angefangen, muss ich bis zum Schluss durchhalten.

Ich fing also völlig ohne Abneigung an, mich an die Arbeit zu machen. Hoch motiviert und mir selbst gut zuredend. Das Radio stellte ich so laut, dass die Schrubbgeräusche von der Musik übertönt wurden. Und da passierte das, was mich hin und wieder völlig unerwartet von hinten anspringt. Ist echt voll gruselig. Ich gerate in Putzwahn. Zu spät bemerkte ich, wie mich der Anfall erwischte. Wie von einer anderen Macht getrieben, fing ich an, die anschließenden Fliesenfugen zu schrubben. Die waren beim Verlegen damals noch grau gewesen, jetzt waren sie durchweg schwarz. Niemand, wirklich niemand wusste das mehr. Außer mir. In meinem Unterbewusstsein befürchtete ich schon lange, dass dieser Tag kommen würde. An dem ich gegen die oberflächlich stimmigen Fugen in den Kampf ziehen müsste. Weil ich, und sicherlich nur ich, damit nicht im Reinen war.

Als ich bemerkte, was ich da tat, war es schon zu spät. In allen Situationen im Leben gibt es den Punkt, an dem es kein Zurück mehr gibt. Bei meinen Fliesenfugen war das die erste Fuge. Denn der Unterschied war so offensichtlich, dass die einzige Alternative zum Weitermachen ein schwarzer Filzstift gewesen wäre. Doch zu diesem Zeitpunkt schien mir das noch keine Option. Angepeitscht vom Lied „Eins kann mir keiner nehmen,…..“, putzte ich mich in Rage.Bild der ausgebürsteten Fugen. Dabei ist so viel Dreck zu sehen, dass man das Bild eigentlich nicht zeigen darf, wenn man den Anschein aufrecht erhalten möchte, eine gute Hausfrau zu sein.

Dieser exzessive Putztrieb bricht hin und wieder bei mir durch.

Die letzten Male bei meinen Schwangerschaften, in denen sich bei mir ein ausgeprägter Nesttrieb entwickelte. Ich stutzte kurz, nö, das konnte dieses Mal nicht der Grund sein. In den vergangenen Jahren wurden, ausgelöst durch meine Putzanfälle, einige Verbote von Seiten meines Mannes und der Handwerker ausgesprochen. So darf ich keine Siphons, keine Toilettensitze, Spülkästen und Steckdosen mehr abmontieren. Im Allgemeinen darf ich keine Elektrogeräte von ihren Gehäusen befreien und Möbel nicht zerlegen. Das nur zur Vorgeschichte, was meine Putzanfälle schon angerichtet hatten. Doch an diesem Abend sollte ich die Suppe alleine auslöffeln müssen.

Als es um 19.30 Uhr an der Haustür klingelte, war ich froh ob der Zwangspause. Doch nachdem ich die Kids ins Bett gebracht hatte, ging es weiter. Die Pause brachte mich glücklicherweise kurz zum Nachdenken und ich wechselte mein Werkzeug. Schwamm gegen Messingbürstchen. Das brachte schneller Ergebnisse und war für Fugen und Fliesen gleichermaßen unbedenklich.

Pausen sind nicht nur gut zur Erholung, sondern geben uns auch die Möglichkeit, unser Handeln zu reflektieren und mögliche Verbesserungen umzusetzen.

Wenig motiviert näherte ich mich wieder meiner Aufgabe an. Nach einem Blick in das abendliche Fernsehprogramm bot auch dieses mir keine Ausrede, meine mir selbst gewählte Aufgabe nicht durchzuziehen. Dabei hätte ich die alleinige Macht über die Flimmerkiste gehabt, da mein Mann mit den beiden Großen ausgeflogen war. Das war in der Vergangenheit immer so, wenn ich dachte, ich mache mir einen gemütlichen Fernsehabend, kam nichts. Flitzer kann hiervon auch ein Lied singen.

Ich wienerte mich, die Stimmung von fröhlichen Liedern untermalt, durch die Küche. Zufrieden mit mir richtete ich den Blick zurück und entdeckte noch einige kleine dunkle Stellen, an denen ich offensichtlich etwas nachlässig gewesen war. Besonders beim Anfang, als ich noch mit dem Schwamm zugange war, gab es Schwachstellen. Jetzt hatte ich allerdings, anders als im normalen Leben, die Möglichkeit, meine Fehler vom Anfang auszubügeln. Ich gab alles. Das finale Wischen gab dem Ganzen den Feinschliff. Um 22 Uhr stand ich mit schmerzenden Handgelenken, aber äußerst zufrieden mit mir, unter der Dusche. Jetzt nur nicht den Blick nach unten richten, dachte ich noch so bei mir.

Heute, am Tag danach, kann ich kaum den Blick von meinen Fugen abwenden. Ich freue mich riesig, die Aktion endlich durchgezogen zu haben. Der Erfolg gibt mir Recht. Allerdings habe ich, wie so oft im Leben, keine Vergleichsmöglichkeit mehr. War es vorher denn wirklich so schlimm? Außer mir selbst wird niemandem der Unterschied auffallen. Aber ist das der Grund, weshalb ich mir das selbst aufgetragen hatte? Nö. Ich hab es bei ehrlicher Betrachtung für mich selbst getan. Weil ich jetzt weiß, dass ich es gemacht habe. Für niemanden sonst. Und da entdecke ich ein kleines Stück Fuge, die ich übersehen habe. Ganz winzig, aber doch da. Und entschließe mich dafür, sie so zu belassen.

Ein ziemlich unspektakuläres Foto der gereinigten Fugen.
Also ich finde ja schon, dass man, bei genauem Hinsehen, den eindeutigen Unterschied erkennen kann.

Nur für mich.

Um mir klar zu machen, dass das, was ich getan hatte, nicht umsonst war. Auch wenn es nur gut für MICH war und ist. Weil ich ein gutes Gefühl dabei hatte, das sicherlich noch einige Zeit anhalten wird. Bis das Ergebnis verblasst. Wie lange das anhält, liegt jetzt alleine bei mir. An meinem Durchhaltevermögen dran zu bleiben und hin und wieder eine Sonderschicht einzulegen. Aber ist das nicht überall im Leben so?

Bleib dran. Selbst, oder erst recht, wenn es nur für Dich ist.

Liebe Grüße, Glitzer

 

9 Antworten auf “Nur für mich”

  1. Leider habe ich solche Anfälle nicht. Entsprechend sehen meine Fliesenfugen im Bad aus. Aber ich habe mir jetzt Schimmel-Entferner-Spray besorgt und mal vorsichtig zur Probe angefangen.
    Die ersten Ergebnisse lassen hoffen. Das mache ich mal weiter, wenn ich richtig Zeit habe (3 Stunden Einwirkzeit vorm Abwischen müssen es wohl sein). Aber wann habe ich so viel Zeit? Ein Anfall müsste her.

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    1. Ich wünsche viel Erfolg. Die drei Stunden Einwirkzeit finde ich recht vielversprechend. Was man da alles dabei machen kann. Lesen, Kaffee trinken, Blog lesen….. Klingt nach einer schönen Aufgabe. Aber nicht übertreiben. Es ist wirklich so, dass niemandem der Unterschied aufgefallen ist. Nur meine Tochter hat gemeint, dass die Küche an sich heller aussieht. Den Grund hat sie nicht herausgefunden. LG Glitzer

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  2. Liebe Glitzer,
    sollte sich mal wieder so ein Anfall ankündigen, dann melde dich einfach. Ich koche dir dann ☕. Aber dein Beitrag wird mir eine Lehre sein, ich habe beschlossen, dass mir meine dunkelgrauen Fugen doch sehr gut gefallen.
    Schönes Wochenende. Schön sauber ist ja schon alles😜
    Deine Flitzer

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    1. Danke für Kaffeeangebot. Da komm ich gerne drauf zurück. Ich hoffe, dass mich so ein Anfall in naher Zukunft nicht noch einmal trifft. Wäre wirklich kaum auszuhalten. Dir wünsche ich auch ein schönes Wochenende. LG Glitzer.

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  3. dass sogar der putzwahn unterhaltsam sein kann, unglaublich 🙂
    da ich aus meinem alltag nichts in worte zu fassen wüsste, das zu mehr als 4 zeilen tauge, versuche ich evtl. den umbau meines multimedia-workflows zu verwörtern, das seit monaten andauert, dazu fällt mir einiges ein.
    jedenfalls hat mich dei putzwahn dazu inspiriert.

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      1. tatsächlich hat mich der putzfimmel gepackt, fing harmlos an und schließlich geriet ich fast in einen putzrausch, da noch was, dort noch was, dinge, die seit jahren ungenutzt verstaubten blinken wieder fast wie neu.
        am anderen arbeite ich noch eine weile.

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  4. 🙈
    Fleißige Glitzer!👏🏻👍🏻
    Solche Arbeiten sind wirklich schlimm.
    Mir fällt da spontan mein Dunstabzug ein, einmal mit dem Lappen berührt kommt man nicht mehr davon. Ich bemühe mich mehr oder weniger erfolgreich jede Art von Putzmitteln und Geräten davon fernzuhalten!😬
    Aber jeder gute Plan hat seine Schwachstellen und darum kommt der Tag bestimmt an dem ich wieder verzweifelt vor meinem Dunstabzug stehe 🤦🏼‍♀️
    Grüßi, 🐰

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    1. O ja, Dunstabzugshaube ist auch richtig schlimm. Meistens muss ich sie putzen, weil mein Mann mit dem Kopf dagegen stößt und dabei eine kleine Stelle der Staubschicht abträgt. Richtig ärgerlich sowas. LG Glitzer

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