Wackelpuddinggehirn auf Eis

8.30 Uhr. Endlich sind alle aus dem Haus. Ich bin noch dabei, mich zu orientieren, in welcher Chaosecke ich mich heute Vormittag austoben will, als das Telefon klingelt. Völlig unbedarft nehme ich den Hörer ab, ohne auf die Rufnummernanzeige zu achten. Am anderen Ende der Leitung Rauschen und ein undeutliches „Hallo, Hallo“. Im Nachhinein gesehen wäre genau das der richtige Moment gewesen, um gleich wieder aufzulegen.

Die Hintergrundgeräusche waren eindeutig die eines Callcenters.

Aber schon zu spät. Ein sehr höflicher Mann mit italienischem Akzent, den vermutlich noch nicht einmal ein echter Italiener besser imitieren könnte. Für einen kurzen Moment dachte ich schon, ich müsste ihn kennen. Denn er wusste sofort, dass ich die „liebe gute“ Frau des Hauses bin. Selbst stellte er sich mit seinem vollen Namen und der Firma vor, in deren Auftrag er mir das Angebot meines Lebens unterbreiten möchte. Aus Datenschutzgründen möchte ich ihn hier Luigi de Biobello nennen. Und ich hatte wirklich unglaubliches Glück. Vor mir lag die Traumwelt italienischer Bioprodukte. Alle handgemacht und besonders liebevoll hergestellt. Um besser auf meine Bedürfnisse eingehen zu können, kam zu Beginn die Frage nach meinen Vorlieben bei italienischem Essen.  Mein Erklärungsversuch, dass wir hier eher auf die gute bayerische Küche stehen, schreckte ihn nicht im Geringsten ab. Er würde die deutsche Küche auch sehr gerne haben, und nebenbei gestanden auch die chinesische. Aber zurück zum Auftrag. Sicherlich würde ich doch hin und wieder auch Nudeln ganz gerne essen. Was sollte ich denn da antworten? Nein, ich gehöre zu den wenigen Erdenbewohnern, die grundsätzlich keine Pasta essen? Und schon waren wir einer Meinung.

Nudeln gehören zu unserem Speiseplan und genau solche seien heute im Angebot.

Bio und von sonnengegerbten Bauern in  Handarbeit hergestellt. In drei Ausformungen und die würden extra für mich heute oder morgen frisch zubereitet werden. Ich bräuchte sie dann nur noch fünf Minuten al dente kochen. Super praktisch. Dazu zwei fertige Soßen, denn was wären Nudeln ohne Soße oder Pesto?! Genau, für diese Soßen würde mich mein Mann lieben, versicherte mir der nette Italiener. Und wenn der das sagt.

Im Paket – ja, wir waren aus unerfindlichen Gründen bereits beim Begriff „Paket“ angelangt – wäre außerdem ein äußerst hochwertiges Olivenöl enthalten. Kaltgepresst und natürlich Bio. Super, das war meine Chance. Mein Mann hasst nämlich Olivenöl in allen Formen und auch in allen Gerichten. Das war Luigi komischerweise sehr verständlich und das Thema Olivenöl wurde ad acta gelegt. Doch wenn wir schon kein leckeres Olivenöl für unseren Salat nehmen können, dann sicherlich hochwertigen Essig. Der wird in mühevoller Handarbeit von den Landwirten, ich weiß garnichtmehr was alles: Fermentiert, gelagert und ich vermute irgendwann auch einmal abgefüllt? Die Tatsache, dass meine Familie grundsätzlich keine grünen Salate isst, war mir zu diesem Zeitpunkt völlig entfallen. Aber was soll´s. Ab mit dem Essig, rein ins Paket.

Die nächsten beiden Produkte kamen nur verschleiert bei mir an. Mein matschiges Wackelpuddinggehirn lag auf Eis. Krampfhaft versuchte ich einen Ausweg aus dieser Situation zu finden. Ich war mir nicht mal sicher, ob da dazwischen noch etwas war. Auf die Idee, einfach aufzulegen, kam ich nicht. Ich war wie ferngesteuert.

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Dann hatte er noch den Honig für mich. Von gewerkschaftlich organisierten Bienen, die sich auf Orangenblüten spezialisiert haben. Und das schmeckt man dem Honig auch an. Der freundliche, um meine Gesundheit äußerst besorgte Italiener versicherte mir, dass wir, sollten mein Mann und ich uns täglich zum Frühstück einen Tee oder Kaffee mit Orangenhonig gönnen, völlig gesund durchs Jahr kommen würden. Ich kann Honig nicht leiden, aber dann würde zumindest mein Mann dieses Jahr vom Männerschnupfen verschont bleiben. Ab, rein ins Paket. Dass mein Mann sowieso jeden Morgen Unmengen Honig verdrückt und wir selbst imkern, – aus meinem Gedächtnis wie gelöscht.  Ach genau, da fällt mir auch wieder das Zwischenprodukt ein: Kaffee. 100% Arabica. Gemahlen, da ich mit ganzen Bohnen nichts anfangen kann. Ob der wohl auch in Italien angebaut wird? Das hatte ich ganz vergessen zu fragen.

Das  Beste zum Schluss.

Dieses italienische Biopaket gab´s für den unschlagbaren Angebotspreis von 85 Euro! Noch nicht einmal Versandkosten kämen dazu. Und sollten die Produkte meinem Mann nicht zusagen, bräuchten wir sie nicht zu bezahlen. Na klar.

Ich versuchte ihm zu erklären, dass mir das zu teuer sei. Sowas kann und will ich nicht ohne Absprache mit meinem Mann entscheiden. Für das Geld ernähre ich meine vier Kinder eine ganze Woche, sagte ich zu ihm. Falsches Argument. Da er mich für eine äußerst intelligente Frau halte, wisse er, dass doch gerade für UNSERE Kinder nichts gut genug sein könne. Gesunde Kinder sind UNSERE Zukunft. Von Panik ergriffen, dachte ich, er würde mir gleich einen Heiratsantrag machen, schließlich schien ich zu diesem Zeitpunkt seine liebe, gute, intelligente Traumfrau zu sein. Grundsätzlich nichts Schlechtes, doch ich erfuhr, dass er zwei weitere Kinder mit in unsere Ehe bringen würde. Das war mir jetzt echt zu viel. Schnell erwähnte ich, dass sich mein sehr guter lieber Ehemann auch immens um die Gesundheit unserer Sprösslinge kümmert. Lange Rede kurzer Sinn. Wie sollte ich ihm erklären, dass mir ein Handstaubsauger für das gleiche Geld lieber wäre, ohne als Rabenmutter da zu stehen?

Ich hatte das Duell der Rhetorik verloren, buchstabierte ihm meinen kompletten Namen (Warum ich ihm den nicht schon früher verraten hätte? Der wäre ja bezaubernd.) und Adresse. Das war´s. Man muss wissen, wann man verloren hat.

23 Minuten dauerte unser heißer Flirt.

Der sicherlich teuerste meines Lebens. Am Ende versicherte mir Luigi, dass ich mich über die Produkte in wenigen Tagen überaus freuen würde, und dass ich eine sehr gute liebe Frau wäre, die Qualität eben zu schätzen wisse.

Am Nachmittag erzählte ich einer Kollegin von meiner kleinen Shoppingtour, und dass ich mich ganz fürchterlich über mich selbst ärgerte. Und ganz im Ernst, sie wusste genau wovon ich sprach. Sie kennt Luigi Biobello auch. Hat ihm bereits zweimal ein solches Schnäppchenpaket abgekauft, weil dieser Italiener es einfach drauf hat, einem zu schmeicheln und einzulullen. Na sowas, und ich dachte, ich wäre neben seiner Ehefrau die einzige für ihn. Aber immerhin konnte mir Frau Nr. 3 aus seinem Leben versichern, dass die Produkte lecker und hochwertig seien. Ob preiswert, sei dahingestellt. Und die Plätzchen wären wirklich lecker. Aha, das war also das Nischenprodukt von Minute 18 bis 19 während meines totalen Gehirnabsturzes.

Jetzt bin ich mal gespannt auf meine Lieferung und ob ich dann überzeugter sein werde, etwas Preiswertes erstanden zu haben.

Fortsetzung folgt hier:

Dummheit tut nicht nur weh, sondern kostet auch richtig Geld.

Bis dahin ciao Bella und buon appetito!

Deine Glitzer

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3 Antworten auf “Wackelpuddinggehirn auf Eis”

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