Stilikonen

Neulich war ich beim Zahnarzt. Nicht freiwillig, aber die Vernunft sagte, es muss so sein. Im Wartezimmer bekam ich eines dieser Hochglanzmagazine zwischen die Finger, die man liest, wenn Frau was auf sich hält. Die Kochzeitschrift war schon belegt und auch die Heimwerkerillustrierte. Schade, aber es konnte ja nix schaden, wenn ich mich mal informiere, was denn derzeit tragbar ist. Schon nach wenigen Seiten drängte sich mir unweigerlich der Gedanke auf:

Wer bestimmt denn eigentlich, was grad „in“ ist?

Gleich zwei Mal stolperte ich über den Begriff „Stilikone“. Das Wort kannte ich, ich hatte auch eine Vorstellung davon. Doch passten die Damen, die auf den Bildern dazu gezeigt wurden, so was von gar nicht zu meinem bisherigen Empfinden hierzu. Und schon stellte sich die nächste Frage:

Wer bestimmt denn eigentlich, wer zur Stilikone gekrönt wird?

Ganz klar, keine Frage wenn ich ein Foto von Grace Kelly und Audrey Hepburn sehe. Oder von Jacky Kennedy, Coco Chanel und Marlene Dietrich, kein Ding. Kein Thema und keine Diskussion. Isso. Basta. Da gibt’s nix dran zu rütteln. Doch wer hat denn zu sagen, dass Victoria Beckham in einem roten Kleid mit fliederfarbenen Pumps nun auch in diese Riege eingereiht wird?? Oder Herzogin Kate? Wie soll das Mädel denn mit ihren altbackenen Mänteln, tristen Kostümen und den Oma-Hochsteckfrisuren ein Vorbild für moderne und arbeitende Mütter sein? Davon haben wir wohl, dass junge Mädchen im billigen Plastik-Bouclé-Imitat-Jäckchen durchs Leben gehen müssen. Weitaus stylischer finde ich da ihre Schwiegeroma, die in knallbunter, bonbonfarbener Garderobe wenigstens gute Laune und modische Fröhlichkeit verbreitet. Ich habe keine Ahnung, wer diese Damen als Stilikonen ernennt, doch möchte ich mich mit der Person gerne mal unterhalten, nur um die Gründe dafür zu erfahren.

Hallooo???

Jetzt ist es wohl so weit. Ich werde alt. Es muss wohl so sein, wie mir meine Tochter so oft versucht zu verstehen zu geben: „Mama, das verstehst du nicht.“ Es ist tatsächlich so. Ich verstehe es nicht. Schon im Kindergarten wurde mir erklärt, dass es sich nicht gehöre, Rot mit Rosatönen zu kombinieren. Flieder gehe nun mal nur mit Rosa oder aber mit neutralen Farben. Und zu Rot muss einfach eine der Grundfarben. Außer Blau. Den rot und blau ist dem Kasper sei Frau. Das hat sich anscheinend so in mein Hirn eingebrannt, dass ich mich seit dem dritten Lebensjahr daran halte. Immer. Wahrscheinlich gab es bei Victoria Beckham wohl keinen Kindergarten.

stilikonen-farbkombi
Perfekt ausgewählt nach der Kindergarten-Farbkombi-Lehre. Mein Nadelheft aus der Grundschulzeit.

Im Laufe der Jahre musste ich feststellen, dass das mit Rosa eh nicht mein Ding ist. Keine Ahnung, ob aus Feigheit, oder aus Angst, die falsche Farbe dazu zu kombinieren. Oder aber deshalb, weil es halt einfach nicht meins ist. Und nach wie vor empfinde ich ein leichtes Kribbeln im Bereich des Nackens, wenn ich irgendwo die Farben Flieder oder Rosa mit dem „falschen“ Farbton kombiniert sehe. Toleranz hin, Akzeptanz her, ich kann nicht anders. Da sag ich nur, es geht doch nix über ein schönes, klassisches und dezentes schwarz. Und dazu fällt mir dann ganz spontan Audrey Hepburn ein.

Jedenfalls habe ich irgendwann beschlossen (an den Zeitpunkt kann ich mich nicht erinnern, ich gehe davon aus, dass es ein schleichender Prozess war), mich keinem Modediktat zu beugen. Es ist mir völlig egal, ob denn nun gerade Fransen up to date sind. Ich werde nicht mit albernen Bommeln am Schuhwerk durch die Welt gehen. Oder noch besser mit irgendwelchen Fransen am Oberteil, die mir dann ständig um die Ohren fliegen. Nein, ganz bestimmt nicht.  Auch werde ich nicht den vorderen Zipfel einer Bluse in den Hosenbund stecken. Oder gar im Winter mit hochgekrempelten Hosen, ohne Socken durch den Schnee stapfen und mir die Knöchel blau frieren. Ich bin alt genug, dass ich keinen Trend mehr mitmachen muss. Wenn ich nicht will. Gottseidank bleibt es mir durch diese Einstellung auch erspart, vor Familienfeierlichkeiten den Modecenter aufzusuchen und mich nach den neuesten Trends einzukleiden.

Aber auch ich habe ein für mein Empfinden todschickes Kleid. Es ist schätzungsweise etwa sechzig Jahre alt und stammt aus der Hinterlassenschaft einer entfernten Tante meiner Freundin. Ich sag dir, das Teil ist sowas von schick. Und es ist mir völlig egal, wenn ich das Kleid an mehreren hintereinander folgenden hohen Festlichkeiten trage. Es gefällt mir einfach beim fünften Mal noch genau so gut wie beim ersten Mal. Je nach Jahreszeit kombiniere ich dazu einen Mantel meiner lieben Oma. Ich schätze grob, dass er aus dem selben Jahrzehnt stammt. Die Qualität dieser Kleidungsstücke lässt sich nicht beschreiben. Das muss man erleben. Aber:

Ausnahmen bestätigen die Regel!

Eine Familienfestlichkeit bildete jedoch eine Ausnahme. Die Hochzeit meines kleinen Bruders. Endlich eine Hochzeit, an der ich weder schwanger war, noch ein Stillkind am Rockzipfel hatte oder einen Mann mit Patellasehnenriss im Rollstuhl vor mir her schob. Angesichts der Tatsache, dass die nächste anstehende Hochzeit wohl die, eines meiner eigenen Kinder sein wird, und ich diese angesichts des dann wahrscheinlich fortgeschrittenen Alters in bequemen Comfort-Gesundheitstretern besuchen werde, sollte es diesmal ein besonders schickes Paar Schuhe werden. Ich fuhr los mit dem Vorhaben, das schickste Paar Schuhe ever zu kaufen. Koste es was es wolle. Die Ernüchterung ließ jedoch nicht sehr lange auf sich warten. Ich stellte fest, dass im ganzen Landkreis, und auch im benachbarten Landkreis, das Verlangen nach schicken Schuhen in Größe 41 wohl nicht allzu groß sein muss. Die Auswahl war gelinde gesagt bescheiden.

Also doch das große Internet.

Von den fünf Schuhen, die es in die engere Auswahl geschafft haben, schickte ich dann meinen Freundinnen ein Foto. Eine davon riet mir, den zweiten von links zu nehmen, denn den könne ich im Notfall auch mal an Fasching als Hexe tragen. Da ich ein praktisch veranlagter Mensch bin, war dies natürlich ein unschlagbares Kaufargument. Bingo. War zwar der teuerste, aber die flexible Nutzung macht das ja im Nu wieder wett. Der zweite von links isses. Ein schickes Paar schwarze, klassische Schuhe in Komplettlederausstattung zog in meinen Schuhschrank ein. Den kann man IMMER tragen. Den Preis möchte ich hier nicht nennen. Es könnte durchaus sein, dass sich mein Mann mal hierher verirrt. Da möchte ich lieber nix riskieren.

So. Das waren nun die neuen Schuhe, doch das bedeutete jedoch noch lange nicht, dass ich mich darauf auch fortbewegen konnte. Und man muss ja bei einer Hochzeit auch mal damit rechnen, ein paar Meter zu laufen, und sei es nur zum Klo. Die tollsten Schuhe bringen nix, wenn man darin läuft wie der Gockel auf dem Mist. Die Arbeit fing also erst an. Im www habe ich mich informiert, wie wichtig es sei, die Schuhe gründlich einzulaufen. Sie müssten regelrecht an den Fuß wachsen, was bei einem kompletten Lederschuh ja auch kein Problem sei. Ich habe fleißig geübt, und nach einiger Zeit konnte ich mich damit sogar im Laufschritt fortbewegen, ohne dass mich ein Familienmitglied fragte, ob ich denn was mit dem Rücken hätte. UHHLALAAAA 🙂

Der große Tag war da. Ich war schlau, und habe meinen Mädchen einen Termin beim Frisör organisiert. Nicht weil ich ihnen nicht die Haare machen konnte oder wollte, sondern weil mein Mann sie dorthin fahren musste und er somit beschäftigt war. Er neigt an solchen Tagen oft zur sinnlosen Verbreitung von Panik und Hektik, was nicht unbedingt zu einer entspannten Stimmung führt. Zwei Fliegen mit einer Klappe. Und ich konnte den Tag ganz entspannt in der Badewanne beginnen.

Ein Blick aus dem Fenster zeigte, dass es nach wochenlangem Sonnenschein heute wie aus Kübeln schüttete. Das Thermometer war nicht kaputt, der angekündigte Temperatursturz war tatsächlich da. Wenigstens musste ich mir um meine Sahnetorte keine Gedanken machen. Doch notgedrungen war es aus gesundheitlichen Gründen wohl nötig, Strümpfe(*) tragen. Zu diesem Zeitpunkt ahnte ich noch nicht, welch dramatische Auswirkungen die Wetterkapriolen auf mein Outfit haben würden. Fachfrauen wissen dies wohl, ich wusste es nicht. Im Nachhinein habe ich im Schuhforum gelesen, dass man zu einem Outfit immer zwei Paar Schuhe haben muss, die perfekt eingelaufen sind. Eines für mit, und eines für ohne Strümpfe. Tja das wars dann wohl, zu spät. Letztendlich habe ich dann die Schuhe getragen, die ich eigentlich für unsere Showeinlage am Abend im Kofferraum hatte. ErsatzschuheSie waren zwar farblich nicht passend, aber saubequem. Und auch die waren eigentlich neu. Denn ursprünglich habe ich mir die zu meiner 70er-Jahre-Motto-Geburtstagsparty gekauft, doch am Vorabend habe ich mir eine Zehe gebrochen. Zur Party trug ich dann Schlappen.

Mal sehen, ob meine Super-Luxus-Hochzeitsschuhe in Komplettlederausstattung auch nochmal zum Einsatz kommen werden. Vielleicht trägt ja die Klimaerwärmung dazu bei, dass man eines Tages an Fasching oder an Halloween keine Strümpfe mehr tragen muss. Und dann mach ich auf jeden Fall Hexe.

Doch zurück zu den Stilikonen. Nach genauerer Betrachtung habe ich festgestellt, dass es keineswegs nur die Kleidung war, die die Damen aufs Treppchen der Stilikonen gehoben hat. Es waren tolle Frauen, und ich bin fest davon überzeugt, dass alle, ganz egal was sie getragen hätten, ohnehin heute als das gelten würden was sie gelten. Völlig unabhängig von irgendwelchen Klamotten. Allein wegen ihrer Stärke, und wegen ihres Mutes anders zu sein und nicht dem geltenden Ideal und den allgemeinen Erwartungen zu entsprechen. Allesamt waren sie schlau, nutzten ihre Popularität und engagierten sich für solche, denen es nicht so gut ging.

So weit, so gut… Doch wie soll uns das jetzt weiter bringen?

Nun, ich kam am Ende meiner Gedankengänge zu dem Entschluss, dass es mir nach wie vor egal sein wird, was die Hochglanzmagazine diktieren wollen. Partyoutfit

Da ich in der Pantone-Trendfarbe 2017 „Greenery“ bestimmt aussehen würde, wie die Henne unter dem Schwanz und mich dann auch dementsprechend fühlen würde, ging der Trend ohne Folgen an mir vorüber. Und auch Pantone „Ultraviolett“ 2018 hat schlechte Chancen, Einzug in meinen Kleiderschrank zu halten.

Da lob ich mir doch meine farblich zeitlos gestaltete Garderobe, die deshalb auch über Jahrzehnte hinweg tragbar ist. Oder um es mit den Worten des Schriftstellers und der männlichen Stilikone Oskar Wilde zu sagen:

„Mode ist das, was man selber trägt. Geschmacklos ist das, was andere tragen.“

Bei manchen zumindest, finde ich 😉

Herzogin Kate darf weiterhin in ihren biederen Kleidern repräsentieren und von mir aus kombiniert Victoria zu rotem Kleid und fliederfarbenen Schuhen noch eine blaue Handtasche. Dürfen sie. Ich hab gar nix dagegen. Doch in die Riege der Stilikonen schaffen sie es dadurch bei mir jedenfalls nicht.

Mädels, lasst euch nix einreden. Mach deine Mode wie sie dir gefällt und basta. In diesem Sinne wünsche ich dir einen verlässlichen, zeitlosen und für dich passenden Schrankinhalt, damit nie die „Ich-hab-nix-anzuziehen-panik“ aufkommt.

Modische Grüße,

Deine Flitzer von

cropped-20171110_115942-01.jpeg
(* )Ich bin mir nicht sicher, ob ich den richtigen Begriff gewählt habe. Näheres zur Bezeichnung kannst du bei Bedarf gerne in der umfangreichen Recherche hierzu von Glitzer nachlesen: Sockenstatement

3 Antworten auf “Stilikonen”

  1. Hi,
    Mit Schuhen die man nur ohne Feinstrumpfhose tragen kann hab ich auch schon Bekanntschaft gemacht!
    Auch ich habe mir mal für eine Hochzeit famose High Heels bestellt.
    Ein Traum in altrosa 😍 und es war mir auch von Anfang an klar, dass ich mit dieser Fußbekleidung der Hochzeit überwiegend im sitzen beiwohnen werde, aber egal.
    Die Schuhe hatten es rechtzeitig aus Paris zu mir geschafft und ich hatte fünf Tage Zeit meine Füße von Birkenstock auf Haute Couture umzustellen.
    Da es recht warm war lief ich mit den Schuhen (ohne Strümpfe) in meinem Wohnzimmer auf und ab und war mir sicher, dass ich mich in diesen Schuhen wie ein Star auf dem roten Teppich fühlen würde.
    Als nun der große Tag für meine Schuhe gekommen war hat mich die Strumpfhose knallhart in die Realität zurückgeholt. Ich fühlte mich nicht wie ein Star sondern wie der Storch im Salat! Mit Unterstützung meines Mannes schaffte ich es auf meinen Sitzplatz ohne unangenehm aufzufallen, und nach dem offiziellen Teil und kurzem Smalltalk mit dem Brautpaar hab ich die Schuhe ausgezogen und seitdem nie mehr angezogen!

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    1. Hallöchen :-)… Tja Hase… Da bleibt uns beiden wohl nur noch auf die Klimaerwärmung zu hoffen. Wenn ich dann Hexe mach, könntest du deinen Traum in Altrosa als Prinzessin ausführen. Vielleicht gehen wir ja zusammen??? Wahrscheinlich werden wir dann ohnehin anderes Schuhwerk tragen…
      Liebe Grüße, deine
      Flitzer 🙂

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