Der Mann da unten

Morgendämmerungsgedanken

Es ist jetzt schon einige Wochen her. Fünf Uhr morgens. Ich weiß das so genau, weil ich die Kirchenglocken durch das offene Schlafzimmerfenster hören konnte. Ich knuddelte mich noch etwas tiefer in meine warme Bettdecke, denn es war doch ziemlich frisch geworden. Vielleicht war das der Grund, warum ich aufwachte. Der Grund, weshalb ich nicht mehr einschlafen konnte, war ein anderer.

Mir kam wieder dieser Mann in den Sinn, der mich am Vortag in seinen Bann gezogen hatte. Er selbst bemerkte mich überhaupt nicht, doch ich konnte nicht aufhören, ihn zu beobachten.

Ich war mit meiner Familie als Zuschauerin bei einem Hindernislauf in unserer Nähe. Ein ziemlich großes Event, an dem bereits das dritte Jahr in Folge Freunde und Verwandte von uns teilnahmen. Hunderte von Leuten schleppten sich dort über eine kilometerlange Strecke durch Matsch, über Hindernisse und am Ende, von Jubel begleitet, ins Ziel.

Und da war er, dieser beeindruckende Mensch. Er war Teil einer Gruppe. Alle trugen dasselbe T-Shirt mit dem Werbeaufdruck einer Firma. Es war nicht zu erkennen, welche Aufgabe er in dieser Firma innehatte. Er könnte der Chef gewesen sein, aber genauso gut auch Verkäufer oder Hausmeister. Bereits auf dem Weg zum bevorstehenden Hindernis klopfte er einigen seiner Mitläufer aufmunternd auf die Schulter, um dann als allererster ans Hindernis zu treten. Es handelte sich um eine ziemlich hohe, schräge Wand, die nur gemeinsam erklommen werden konnte. Mindestens eine Pyramide von drei  Personen übereinander, an der Wand angelehnt, war nötig, damit die Oberste den „Gipfel“ erreichen konnte.  Um sich danach entweder selbst nach oben zu ziehen, oder von anderen nach oben gezogen zu werden. Der Mann lehnte sich beherzt mit dem Rücken an die Wand und hob einen nach dem anderen seiner Kollegen mit der Räuberleiter in die zweite Ebene. Diese bildeten die Pyramide bis ganz nach oben und zogen und schoben sich, wiederum einer nach dem anderen, zum Gipfel.

Alles super.

Nur ihren Mann ganz unten hatten sie vergessen. Der stand, mit einer geradezu altruistischen Gelassenheit, weiterhin an seinem Platz und stemmte eine Person nach der anderen in die zweite Ebene. Immer weiter, Frauen, Männer, Große, Kleine, Dicke, Dünne, Lachende, Schimpfende, Verzweifelte, Sympathische und Furchteinflößende. Er war so fest an seinem Platz, als wäre er da schon den ganzen Tag gestanden. Schien erst gar nicht auf die Idee zu kommen, weiter zu wollen. Und das wurde von den nachfolgenden Mitläufern dankbar angenommen. Vom hilfsbereiten Helfer wurde er schnell zum selbstverständlichen Hilfsmittel. Die Läufer, die neu ans Hindernis kamen, erkannten ihn bald als praktischen Ein- und Aufstieg in die nächste Ebene. Ich vermute, er würde jetzt noch dort stehen, wenn ihn nicht irgendwann eine kleine, recht zierliche Frau auf die Schulter getippt hätte. Fast erschrocken schaute er zu ihr nach oben, woraufhin sie ihm ihre Hand entgegenhielt. Beide lächelten sich an und sie zog ihn, alle ihre Kräfte aufbringend, nach oben zu sich. Und gemeinsam legten sie zu zweit den Weg nach oben zurück. Wo der Rest seiner Gruppe auf ihn wartete. Dass in diesem Fall der Mann ein Mann und keine Frau war, und die kleine zierliche Frau eine Frau, die ihm zu Hilfe kam, war zufällig so. Es hätte auch anders sein können, damit möchte ich jetzt bitte keine feministisch-sexistische Debatte auslösen.

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Worum sich meine Gedanken um fünf Uhr morgens bei der Erinnerung an diese Beobachtung drehten, ist aber etwas ganz anderes.

Wie kann es sein, dass ausgerechnet derjenige vergessen wurde, der die Basis der ganzen Übung bildete? Weshalb hatte keiner seiner Kollegen bemerkt, dass sie ihn abgehängt hatten? Schließlich hatten sie doch dieselbe Verantwortung für ihn, wie er für sie. Ohne ihn wäre keiner von ihnen oben angekommen.

Weshalb hatte er selbst nicht bemerkt, dass seine Gruppe ohne ihn den Weg nach oben fortgesetzt hatte?

Warum hatte er seine Aufgabe weiter erledigt, obwohl es längst an der Zeit war, dass sie ein anderer übernahm, damit er seinen Weg nach oben weiter verfolgen hätte können?

Wieso kam gerade diese kleine, ohne ihr zu nahe treten zu wollen, aber doch recht schwach wirkende Frau auf die Idee, ihn nach oben zu ziehen? Vor ihr waren viele Leute auf ihrer Position, Männer wie Frauen, denen diese Aufgabe sicherlich wesentlich leichter gefallen wäre.

Noch jetzt bekomme ich Gänsehaut, wenn ich mich daran erinnere, wie sich die beiden auf dem Gipfel in die Arme schlossen und sich freuten, bevor sie sich wieder getrennt mit den eigenen Teams auf den Weg zum nächsten Hindernis machten. Ich denke so bei mir, dass die notwendige Hilfe ganz offensichtlich nicht immer von der zu erwartenden Seite kommt. Vielleicht muss man sich auch nach der anderen Seite umsehen, ob es dort bessere, oder wie in diesem Fall, ganz sicherlich attraktivere Möglichkeiten gibt. Bitte für diese Bemerkung keine Leserbriefe an die Redaktion. Diese Aussage ist rein subjektiv und durchweg positiv zu verstehen. Männer können unter ganz speziellen Umständen durchaus genauso attraktiv sein. Aber glaube mir, so wie in diesem Fall – nass und mit Matsch beschmiert- sehen Frauen besser aus als Männer.

Ich stelle mir die Frage, ob es wohl jeder selbst in der Hand hat, wie lange er Anderen Hilfestellung gibt, ohne selbst voran zu kommen? Sowohl beruflich, wie auch im Privatleben.

Aber zurück zum Vortag. Kurz hatte ich den Gedanken, dass eine solche, zur Teamfindung gedachte Veranstaltung wohl auch zur Teamteilung werden kann. Doch am Ende kam der Mittelpunkt meiner Beobachtung gemeinsam mit seinen Kollegen glücklich und zufrieden ins Ziel.

Allen Beteiligten war anzusehen, dass die körperlichen Strapazen die Kraftreserven aufgebraucht hatten. Und trotzdem, oder gerade deshalb, strahlten sie beim Erreichen des Ziels.

Die Allermeisten in Teams mit eigens für diesen Anlass bedruckten T-Shirts oder kreativ zusammengestellten Outfits. Oberste Prämisse war das gemeinsame Erreichen des Ziels, im Team. Keiner wurde (länger) zurückgelassen. Die Zeit, in der die Strecke passiert wurde, spielte dabei nur eine untergeordnete Rolle.

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So war es auch dieses Jahr eine Freude, den Teilnehmern zuzusehen, wie sie sich gegenseitig halfen, anfeuerten und Mut zusprachen, wenn das Hindernis besonders hoch, kraftraubend oder eiskalt war.

Und wieder einmal träume ich davon, nächstes Jahr auch als Teilnehmerin dabei zu sein. Mit einem Team, das mir hilft, meinen inneren Schweinehund zu überwinden und endlich das durchzuziehen, was ich schon dreimal bejubelt habe. Alleine die Vorstellung mit Freunden das Ziel zu erreichen, zaubert mir ein Lächeln auf mein Gesicht. Jetzt muss ich nur noch herausfinden, ob ich der, um im Bild zu bleiben, untere Mann an der Basis bin, der die anderen motiviert und anfeuert, oder ob ich ein Mitläufer bin, der seinerseits motiviert werden muss, um sich die ganzen Hindernisse zuzutrauen. Zum Glück hab ich noch ein bisschen Zeit, mich zu entscheiden.

Ich nehme mir vor, wieder etwas mehr Achtsamkeit für die Menschen in meinem engeren Umfeld aufzubringen. Hoffentlich fällt mir auf, wenn es nötig wird, anderen eine helfende Hand zu reichen. Was das betrifft, versuche ich ernsthaft an mir zu arbeiten.

Alles Liebe, und pack an, was Du schon lange durchziehen willst.

Das Glücksgefühl am Gipfel soll angeblich unbeschreiblich sein.

 

Bis bald, Deine Glitzer

5 Antworten auf “Der Mann da unten”

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