Krank sein ist gemein

Der Rest meiner Familie war in der letzten Woche krank. Magen Darm. Einer nach dem Anderen lag flach und wurde von mir mitfühlend gepflegt. Klar, dass jeder, der eine ganze Nacht im Badezimmer verbracht hat, nicht zur Arbeit oder in die Schule kann. Schlaf ist die beste Therapie, und so steckte ich alle ins Bett und sprang von Zimmer zu Zimmer. Tee, Spuckeimer, Bettwäsche wechseln, das ganze Programm. Da auch mein Mann darnieder lag, konnte ich für die Arbeit weiterhin das Haus verlassen. Alles halb so schlimm, unser Familienunternehmen lief ganz gut weiter. Zum Freitag waren alle wieder fit und wir freuten uns aufs Wochenende. Doch dann….

Pünktlich zum Wochenende überfällt mich ein Virus. Natürlich.

Krank sein ist gemein. Abgesehen davon, dass es einem einfach besch….. geht. Das möchte ich nicht kleinreden. Natürlich ist in erster Linie das körperliche Leiden nicht all zu lustig. Aber abgesehen davon ist es gemein, dass sich mein  Blickwinkel ändert. Und zwar geht der Blick dann zwangsläufig Richtung Decke. Ich liege im Bett, auf dem Sofa, wimmernd auf dem Küchenboden oder ich blicke  flehend an die Badezimmerdecke. Und da kommt die Gemeinheit ins Spiel. Ich sehe die Lampen über mir in schonungsloser Wirklichkeit. Inklusive Staub, verendeten Tierchen, deren Hinterlassenschaften und Spinnweben. Allerdings ist es mir in der momentanen Verfassung nicht möglich, mich zeitnah darum zu kümmern. Und so kommt neben Krankheit auch noch die Ungeduld hinzu. Ich habe das schon oft an mir (und unter uns gesagt – auch an anderen) bemerkt. Je weniger man selbst kann, desto mehr sieht man, was man müsste. Oder zumindest was man angeblich tun würde, wenn man denn jetzt könnte. Klar, dass mich das unleidlich macht und meine Familie deshalb schwer an mir zu knabbern hat. Denn die könnten ja theoretisch alles, was mir jetzt auffällt, für mich erledigen. Und genau diese Situation bietet jede Menge Zündstoff.

Denn außer mir findet gerade niemand einen Grund, warum die Lampen gereinigt werden sollten. Ja im Moment ist ja die Reinigungskraft eh außer Gefecht gesetzt, also warum dann das Korpus Delicti gerade jetzt abhängen?

Während meines tiefen Erholungsschlafes ist mir das Handy zwischen die Polster unserer Couch gerutscht. Ok, da ich die Lautstärke des Staubsaugers momentan nicht ertrage, kratze ich Chipskrümel und Flipsbrösel aus der Handyhülle und setze diese Baustelle auf die To-do-Liste.

Mir fällt die Zeitschrift ein, die bereits vor drei Wochen mit der Post kam. Die könnte ich mir ansehen. Ich blättere sie durch, bleibe kurz bei einigen Bildunterschriften hängen und ärgere mich über die sage und schreibe 44 Seiten reine Werbeanzeigen. Die zu 100% reinen Werbeseiten wohlgemerkt! Die halbseitigen nicht mitgezählt. Die Zeitschrift wurde bezahlt, war keine Werbezeitschrift und enthält mehr Werbung als das Werbeprospekt meines Discounters. Zeitung abbestellen! Das werde ich gleich machen, wenn ich wieder einen zusammenhängenden Satz denken kann.

Da ich mich außer Stande sehe mich an den Herd zu stellen, hole ich bevorratetes Essen aus dem Gefrierschrank. Gebe alles in einen Topf zum Erwärmen und will die Plastikdose in die Spülmaschine stellen. Die ist noch beladen mit den gespülten Vorratsdosen vom Vortag. Also muss ich sie erst ausräumen. Aber wohin mit dem ganzen Zeug? Die Schubladen mit den viel zu vielen Vorratsdosen bietet keinen Stauraum mehr , die müssten unbedingt entrümpelt oder zumindest neu einsortiert werden, um wieder Platz zu schaffen. Deshalb stelle ich das Zuviel in die Abstellkammer auf die Ablage. Beim Schließen der Tür höre ich noch wie der Turm aus  Schüsseln aus dem Regal auf den Fußboden fällt. Ich ignoriere den Krach und leg mich wieder ab. Dafür reicht meine Kraft gerade noch aus.

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Geweckt werde ich durch einen leicht verbrannten Geruch aus Richtung Küche. Alles klar, ich rette was zu retten ist und weiche die Zentimeter dick  angebrannte Schicht unseres Mittagessens im Topf ein. Darum kümmere ich mich sobald ich wieder kann.

So durchleide ich weitere zwei Tage und sehe offenen Auges zu, wie mein Zuhause im Chaos versinkt. Die Garderobe füllt sich mit dreckigen Schuhen, die nicht geputzt, sondern nur durch saubere ersetzt werden. Der Wäscheberg im Keller wächst, ohne dass von ihm Notiz genommen wird. Die Mülleimer werden nicht geleert sondern mit immer mehr Krafteinsatz gefüllt. Im Gegensatz dazu leeren sich Kühl- und Gefrierschrank von selbst.

Am Montagmorgen sehe ich ein, dass es keinen Wert hat, weiter auf Hilfe zu hoffen, werfe mir eine weitere Schmerztablette ein, beginne damit die wichtigsten Baustellen in Angriff zu nehmen und schleppe mich auf die Arbeit. Die alltäglichen Aufgaben haben mich wieder so im Griff, dass Lampen, Schubläden,  Sofaritzen und Zeitungsabo aus meinem Blick geraten sind. Ich bin froh, als ich nach drei Tagen wieder einigermaßen im Soll bin.

Da habe ich ein Gespräch mit einer guten Bekannten über dieses Thema. Und die hat mir etwas gesagt, das mir wirklich zu denken gegeben hat. Sie meinte, dass Menschen, die wirklich, also ich meine wirklich schwerstkrank sind auch für Lampen und Co keinen Blick mehr haben können. Wenn es einem wirklich an die Existenz geht, dann sind diese Dinge so etwas von banal und nichtig. Und damit hat sie Recht. Ich versuche mir in Zukunft klar zu machen, dass das alles nicht so wichtig ist. Ich erledige meine Aufgaben nach bestem Wissen und Gewissen, und falls mich etwas auch noch stört, wenn es mir gut geht, mache ich es, und ansonsten wird sich schon irgendwann eine Gelegenheit ergeben. Früher, oder auch später.

Spielt auch echt keine Rolle.

 

Ich wünsche Dir Geduld und den richtigen Blickwinkel auf die wichtigen Dinge im Leben.

 

Deine Glitzer

 

4 Antworten auf “Krank sein ist gemein”

  1. Also, ich seh so Krankheiten immer als willkommenes „Ich hätte ja, aber kann nicht.“ und lasse Staub und Spinnweben da wo sie sind. Die laufen ja nicht weg 😉 Blöder finde ich dann die Zeit danach, wenn man wieder könnte, aber weiterhin nicht kann, weil man wieder in die Arbeit muss und am Abend weil noch angeschlagen) so fertig, dass nichts geht… Aber Schmerzmittel oder so, nur dass ich putzen kann? Nö, da bleibe ich standhaft! Der Dreck bleibt bis ich wieder fit bin! 😉
    Hast du toll beschrieben den Zustand. Ich drücke die Daumen, dass du diesen so schnell nicht wieder erleben musst. Weil wie du schon sagtest, man fühlt sich so mies was echt unlustig ist.

    Gefällt 1 Person

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