Für einen Moment in Deinen Schuhen

Ich habe Muskelkater.

So wie ich ihn selten in meinem Leben hatte. Von den Beinen über den Bauch bis in die Fingerspitzen. Aber nicht, weil ich Sport gemacht, sondern weil ich am Wochenende eine wirklich lebensverändernde Erfahrung gemacht habe. Ja, machen durfte. Denn ich bin mir sicher, dass sie mein Verständnis für Dich für immer verändert hat.

Ich hatte eine Panikattacke.

Schon länger hatte ich die Idee mit meiner Familie auf einen nahegelegenen Turm zu gehen, um ihr die Welt von oben zu zeigen. Endlich war es so weit und voller Vorfreude stiegen wir gemeinsam die endlosen Stufen nach oben. Begeistert vor mich hin schwärmend, gab ich während des Aufstiegs alle Informationen von mir, die ich zu diesem Gebäude parat hatte. Inklusive sentimentalen Erinnerungen an unvergessliche Feste, die ich auf diesem Gelände feiern durfte.

Nur das Lager, das wir in der fünften oder sechsten Klasse in der dichten Hecke dieses Grundstücks gebaut hatten, habe ich nicht erwähnt. Das ist allerdings eine andere Geschichte, die zu passenderer Zeit noch erzählt werden muss. Sie würde an dieser Stelle die Intension dieses Beitrags ernsthaft gefährden.

So, als wir also endlich oben waren, war es für mich völlig unerwartet aus. Der Blick nach unten brachte mich dermaßen aus der Fassung, dass ich mich nicht mehr unter Kontrolle hatte.  Ich flehte meinen Mann an, vom geschlossenen Fenster zurückzutreten. Sobald eines der Kinder einen Schritt machte, hielt ich es fest und schrie es an, sich nicht zu bewegen. Dabei standen sie so weit von den Fenstern entfernt, dass sie selbst mit einem beherzten Sprung nicht in deren Nähe gekommen wären. Sie starrten mich an, als hätte ich nicht mehr alle Besteckteile in der Schublade. Leider gibt es genau deshalb auch hier kein Foto von der tollen Aussicht. Bei dem ganzen Aufstand hatte daran keiner gedacht. Zitternd und mit meinen verstörten Kindern im Schlepptau machten wir uns an den Abstieg. Zielstrebig, zackig und ohne ein weiteres Wort. Die einhellige Meinung war ganz eindeutig. Mama ist jetzt endgültig durchgedreht. Das brauchte mir keiner zu sagen. Ich war selbst davon überzeugt.

Mit einem Abstand von zwei Tagen und einigen Höhenmetern, machte ich mich daran mein Verhalten zu googeln. Und da fand ich als Hobbypsychologe die Diagnose von vermutlich ebenfalls Hobbypsychologen –

Panikattacke

Bei einer solchen Panikattacke greift unser Körper auf die autonom geschützte Reserven zurück. Dabei werden Kräfte freigesetzt, die wir selbst nach jahrelangem exzessivem Training nicht willentlich abrufen können. Daher mein jetziger Muskelkater. Für fundierten Wissenszuwachs hier eine Definition für den Streber in Dir. Denn auch das Gehirn will trainiert werden.

Def.: Der Bereich der autonom geschützten Reserven liegt zwischen der Mobilisationsschwelle, also der maximalen willkürlichen körperlichen Leistungsfähigkeit des Menschen bei normalen Umweltbedingungen, und der absoluten Leistungsfähigkeit. Die Mobilisationsschwelle kann durch starke Emotionen wie etwa Wut, Angst und Lust aber auch durch Doping nach oben verschoben werden. Eine Erhöhung der Mobilisationsschwelle kann auch durch sportliches  Training erreicht werden. Die autonom geschützten Reserven machen bei normalen Menschen etwa 30% der körperlichen Leistungsfähigkeit aus, dass heisst man schöpft in normalem Zustand nur 70% seiner maximalen Leistungsfähigkeit aus.

https://www.sportbachelor.com/lexikon/autonom-geschuetzte-reserven/

Ich möchte mich für die in der Definition unterstrichene Stelle entschuldigen. Leider wurde die Definition auf der „Sportbachelor“ Seite genau so geschrieben. Aus urheberrechtlichen Gründen traue ich mich hier keine Änderungen vorzunehmen. Vermutlich genügt jung, sportlich und sexy für diesen Abschluss.

Deshalb hier nochmal für alle, die sich mit Grafiken leichter lernen.

Mit Buntstiften gezeichnetes Diagram zur Leistungskurve über unseren Tag verteilt.
Das ist jetzt nur mal eine grobe Skizze unserer Leistungskurve über den normalen Tag verteilt. Sie zeigt außerdem die prozentuale Verfügbarkeit unserer 100 Prozent möglicher Leistung. Offensichtlich handelt es sich hier um einen eher ereignislosen dahinplätschernden Tag. Dass sich das von Mensch zu Mensch unterscheidet und sich die Mobilisationsschwelle durch Training nach oben verschieben lässt, ist klar. Allerdings ist bei ca. 80 Prozent auch für Extremsportler Schluss.

Nochmal zurück zu meiner Panikattacke.

Sogar jetzt noch bekomme ich einen Schweißausbruch, wenn ich davon schreibe. Obwohl ich mich mittlerweile darüber belesen habe, kann ich das Gefühl nicht abstellen. Ich weiß sehr wohl, dass meine Angst rational unbegründet war. Denn so ist das mit Panikattacken. Offensichtlich hat sich bei mir eine Höhenangst gemeldet, die ich bis dato nicht kannte. Im Gegenteil.  Ich liebe Achterbahnen, Hochseilgärten und alles was mir ein Kribbeln im Bauch verursacht. Im Freizeitpark bin ich die Erste, die zum Freefall- Tower pilgert. Aber wenn ich es jetzt im Nachhinein betrachte, hatte ich beim letzten Besuch bereits weiche Knie, als ich aus dem Kettenkarussell stieg. Das hatte mir bisher auch noch nie etwas ausgemacht.  Ich habe gestern gelesen, dass sich Höhenangst häufig erst nach dem 30. Geburtstag ausbildet. Hoffentlich bleibt mir das nicht auf Dauer.

Und trotzdem bin ich dankbar für diese Erfahrung. Denn seitdem verstehe ich vieles, was ich zuvor nicht hundertprozentig nachvollziehen konnte. Sicherlich bin ich ein emphatischer Mensch, der sich in andere gut hineinversetzen kann. Ich kann mit ihnen fühlen und das auch zeigen. Aber ich habe erst jetzt eine vage Ahnung, was Menschen mit Ängsten oder sogar Phobien mitmachen. Deshalb möchte ich mich heute bei dir entschuldigen.

Es tut mir unendlich leid, dass ich dich überredet habe, mit mir in den Freefall- Tower zu steigen. Es tat mir damals schon leid, aber jetzt weiß ich, was ich dir angetan habe. Und welches Opfer du für mich gebracht hast.

Es tut mir wirklich leid, dass ich, als ich aus deiner Badewanne eine tote Spinne nehmen musste, damit du wieder baden gehen konntest, blöde Sprüche losgelassen habe.

Es tut mir leid, dass ich gelacht hab, als dir jemand eine unechte Maus zugeworfen hat, und du daraufhin fast über den Tisch gesprungen bist. Weil du panische Angst vor Mäusen hast.

Ich verstehe jetzt, dass du lieber auf ein Glas Wein verzichtest, als nachts allein durch die dunklen Straßen nach Hause zu gehen.

Ich verstehe, dass es keine Einbildung ist, wenn du anstatt eine Klassenarbeit zu schreiben, kotzend über der Toilettenschüssel hängst.

Ich verstehe, weshalb du weiterhin bei deiner bisherigen Arbeitsstelle bleibst, weil sie dir Sicherheit gibt, anstatt den mutigen Sprung in etwas Neues zu wagen.

Ich weiß, was du durch machst, wenn ein fremder Hund auf dich zukommt. Egal, ob das Herrchen dazu noch ruft „Der macht nichts!“. Ok, das habe ich vorher auch schon verstanden.

Ich für meinen Teil musste und durfte durch diese für mich wirklich erschreckende Erfahrung erkennen, dass ich doch nicht immer so verständnisvoll war, wie ich dachte. Tja, fürs Leben lernen wir. Und das ein Leben lang.

Ich kann es nicht fassen, dass ich meiner Tochter vor Kurzem vorgeschlagen habe, zum Flying Fox zu fahren. Ich hoffe, dass ich sie davon wieder abbringen kann. Allein die Vorstellung macht mir jetzt schon Bauchschmerzen.

Liebe Grüße und bis bald,

Deine Glitzer

8 Antworten auf “Für einen Moment in Deinen Schuhen”

  1. Das ist aber beängstigend, gerade für mich als „Bergmensch“. Obwohl weit über 30, hoffe ich, dass mich so was nicht auch eines Tages „erwischt“. Im Mai oder so geht es auf den Brocken im Harz, das sollte harmlos sein.
    Verständnis habe ich jetzt für einen Kumpel, der mit mir in der Schweiz einen mehr oder minder steilen „Kamin“ bestieg. Von oben wollten wir ganz harmlos durch den Wald zurückwandern, mussten allerdings vorher umkehren.
    Es stellte sich heraus, dass er unmöglich vorwärts wieder herunterkonnte. Ich dirigierte ihn also rückwärts, wo er nun Tritt findet etc.
    Das war keine Alpin-Tour, sondern eher ein etwas steiles Wanderstück. Ich weiß nun, dass das nicht jedermanns Fall ist.
    Viel Glück für weitere Unternehmungen.

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    1. Zum Glück hatte ich für den Abstieg eine gesicherte Treppe. Einen Steilhang wäre ich nicht runter gekommen. Gut, wenn dann verständnisvolle Helfer dabei sind. Viel Spaß auf weiteren Touren.

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  2. Liebe Glitzer,
    ich nehme all deine Entschuldigungen an! 😂😂😂
    Außer die mit der Maus, die gebe ich an meinen Gatten weiter. 🐭
    Alles halb so wild, man darf ja auch mal Angst vor was haben und deine Kinder haben dieses Erlebnis hoffentlich bereits verarbeitet.

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  3. Liebe Glitzer,
    Schwäche zu erleben, sie zu zeigen und auch noch zuzugeben, dass man sie hat, ist eine krasse Erfahrung, die die meisten von uns nicht gerne machen möchten. Macht ja auch keinen Spaß und zeigt uns nicht von unserer Schokoladenseite. Umso mehr beeindruckt es mich, dass Du hier Deine Panikattacke analysiert hast und Dich so einfühlsam mit den Ängsten anderer beschäftigst. Das hilft uns allen, sich mal wieder in andere hineinzuversetzen und ihr Verhalten, ihre Beweggründe zu verstehen und sie nicht einfach mit einem Kopfschütteln oder dem Satz „Die xy ist aber komisch.“, abzutun.
    Dass man in jungen Jahren Achterbahnfahren usw. besser verträgt, ist wohl so. Wir haben deshalb unsere gewonnenen Rust-Karten den Kindern geschenkt, sie am Eingang abgesetzt und einen schönen Besichtigungs-und Shopping-Tag in Frankreich verbracht. Am Ende des Tages sind wir alle zufrieden wieder heimgefahren.
    So schlimm muss es bei Dir nicht kommen, bestimmt gibt es beim nächsten Freizeitparkbesuch Fahrgeschäfte, in denen Du Spaß haben kannst!
    Viele Grüße, Moni

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    1. Ich hoffe nicht, dass ich jemals einen Tag im Freizeitpark gegen eine Shoppintour eintauschen muss, aber inzwischen käme ich damit klar. Letztes Jahr wäre das noch undenkbar gewesen. LG Glitzer

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